Die 12. Ausgabe "Be Well in Hamburg St. Georg" ist erschienen  

St. Georgs Stadtteilführer für 2021 



…ist erschienen!

   

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Dragomirs Spruch der Woche
frei nach Winston Churchill: "Etwas aufzubauen mag langsame und mühsame Arbeit von Jahren sein. Es zu zerstören kann der gedankenlose Akt eines einzigen Tages sein."

   

Stadtteilportal Hamburg-St.Georg-Redakteurin Marina Friedt lebt seit zwanzig Jahren auf St. Georg. Geboren in Idar-Oberstein – wie Bruce Willis – sind ihre Wurzeln im Hunsrück. Den schroffen Dialekt, den sie als Kind lernte und den manche
Redakteure als quälend empfinden, spricht sie nur im engsten Freundes- und Familienkreis. Oder, um mit groben Tönen zu überraschen wie: Watt homma dann elo? (Was haben wir denn da?) oder: Dau mit deine örscherische Fikscha (Du mit deinen ungemachten Zöpfen …) Bei der Eröffnung des Café Heimat am 6. Oktober in Morbach/Hunsrück im Elternhaus des Heimat-Epos-Erfinders Edgar Reitz, dessen Film "Die andere Heimat" gerade in den Kinos läuft, war das "Hunsrikker Platt" der Schlüssel zum Gespräch mit dem Filmemacher, der jüngst für sein Lebenswerk auf den Filmfest in Cannes geehrt wurde. Das Abhören der Interview-O-Töne verschmolz zu einer Gedanken-Collage zur gemeinsamen Heimat. 

Der Hunsrück, unendliche Weiten und Hügel – heute wie früher. Fast 30 Jahre nach seinem Fernsehdebüt "Heimat", das 1984 Millionen Zuschauer begeisterte, bringt Filmdokumentar Edgar Reitz "Die andere Heimat" in die Kinos. Die Idee zum Heimat-Film kam dem Regisseur im Winter 1978 auf Sylt. Die Schneekatastrophe hatte den Norden Deutschlands fest im Griff und Edgar Reitz eine Krise: 

Als Hunsrücker, der Uhrmacher hätte werden können, und dann Filmemacher wurde, war ich nicht mehr überzeugt, dass dieser Lebensweg richtig war. Und mit 40 Jahren hat man nochmal das Gefühl, es ginge noch mal ganz anders. Ich stand vor der Frage, den Beruf zu wechseln. Und begann, meine Erinnerungen aufzuschreiben um herauszufinden, was mich zu dem Irrtum gebracht hatte, Filmemacher zu werden. Dies war der Ausgangspunkt für "Heimat", und so wurde ich dann doch noch Filmemacher. (lacht) 

Klingt nach Krise gleich Chance. Das erste Manuskript umfasste 100 Seiten und erzählte die Geschichte der Familie Simon aus dem fiktiven Ort Schabbach. Gedreht wurde in Woppenroth im Hunsrück. Ungern erinnert sich der Regisseur an die Tiefflieger der nahen amerikanischen Stützpunkte, die oft mit einem lauten Knall die Überschallmauer durchbrachen und seine Dreharbeiten störten. Heute, bei der Eröffnung des Café Heimat in seinem Heimatdorf Morbach, sind die Flugzeuge des Flugplatzes Frankfurt/Hahn am Himmel zu hören – dem ersten konvertierten Flughafen, 120 Kilometer von Frankfurt entfernt. Damals umstritten – heute nach dem "Abzug der Amerikaner", Arbeitgeber für die Region. So ändern sich die Zeiten. Auch in der Biergasse 5 blieb die Zeit nicht stehen, und für den bekanntesten Sohn des Luftkurortes gilt es heute, das "Café Heimat" zu eröffnen. Wer hatte die Idee?

Zuletzt lebte mein Bruder hier, der 2008 verstarb. Seitdem stand das Haus leer. Wir überlegten auch, es abzureißen, aber das verhinderte mein Sohn Christian. Es ist ja das Werk vieler und ein eigenartiges Gefühl, wenn man spürt, dass viele an der Idee arbeiten, die man einmal hatte. Also, ein Film ist auch nichts anderes. Ein Film ist letztlich Team-Werk. Das hat man bei der Premiere der "anderen Heimat" in Simmern gesehen, dass da alle auf die Bühne kamen, und wenn sie die fragen, wer hat den Film gemacht, dann sagt jeder von denen: Ich. Jeder von denen hat den Film gemacht und das ist auch wahr insofern.

In Morbach waren es ein Bürgermeister, ein späterer Landrat, ein Bänker und viele andere, die die Idee aufgriffen und dafür sorgten, dass das Café Heimat rechtzeitig zum Filmstart fertiggestellt war: Als Pilgerstätte für Leute mit einem Faible für den Film, oder für die, die zu regionalen Köstlichkeiten einfach die Seele baumeln lassen wollen. Oder wie der Betreiber werbewirksam formuliert: „Unter einem Dach vereinen sich Kultur, Handwerk und Kunst mit allen Sinnen erlebbar". Und alle hoffen, dass das die "Heimatgemeinde" Morbach künftig in einem Zug mit Hunsrück, Reitz und Heimat genannt wird. Was empfindet Reitz in diesem Haus inmitten der Fotoausstellung und Heimat-Requisiten?

Also, hier war früher die Küche, praktisch der Lebensmittelpunkt. Nachdem ich im Alter von 19 Jahren nach München gegangen war, wurde mir mein Elternhaus aber immer ferner. Dann starben meine Eltern, und mein Bruder Guido übernahm das Haus. Er war Linguist und Privatgelehrter – ich muss aber zugeben, dass mir seine Welt ziemlich fremd war.

Guido Reitz, der Bruder, lebte nach dem Tod der Eltern bis 2008 in dem Haus. Er war ein Sprachgenie und Sprachforscher, dessen außerordentliche Fähigkeiten vielen - auch Edgar Reitz - erst nach seinem Tod bewusst wurden. Er hinterließ eine Bibliothekmit über 5000 Bücher (linguistische Fachliteratur). Edgar Reitz stiftete sie der Uni Marburg. Den Film widmet er dem Bruder und baut darin den Aspekt des Sprachtalents in der Rolle des Hauptdarstellers ein. 

Nach Guidos Tod stand das Haus wieder leer, und ich hatte das Gefühl für mein Geburtshaus, als der zentrale Erinnerungsort meiner Kindheit, fast völlig verloren. Das geht mir noch heute oft so. Die alte Bibliothek meines Bruders war über lange Zeit eine Baustelle, zu der ich kaum einen Bezug hatte. Nach und nach eroberte sich das Haus dann einen Teil meiner eigenen Geschichte zurück – die meines Filmschaffens. Die aktuelle Ausstellung "Heimat 1" spiegelt eine sehr präzise und spezielle Sicht meines Wirkens wider. Aber eben nur einen Teil – einen für mich ebenfalls abgeschlossenen Teil meines Lebens.

Die anderen Ausstellungsteile aus den anderen Heimat-Teilen werden als Wechselausstellung folgen, sowie die Szenenfotos aus seinem aktuellen Film „Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht". In diesem Heimat-Filmteil springt der 80-jährige Regisseur noch weiter in die Vergangenheit. Er erzählt von den ersten Hunsrückern, die im 19. Jahrhundert nach Brasilien auswandern wollten. Die, die es geschafft haben, verbreiteten das Hunsrücker Platt bis nach Santa Cruz do Sul. Gedreht wurde 2012 im nahe gelegenen Gehlweiler. Für Monate war der Ort voll gesperrt, und die Bewohner wohnten weiter in ihren Häusern hinter der aufgebauten Kulissenwelt. Nicht alle waren begeistert, was zu sehen ist im "Making of" (in BR am 5.11. um 22.45 Uhr), das am gleichen Abend der Café-Eröffnung seine Welturaufführung in der mit 500 Plätzen ausverkauften Baldenauhalle in Morbach hatte. Heute räumt der 80-jährige Reitz vor seinen Hunsücker-Fans ein:
Jetzt muss ich was sagen. (Lachen) Das sind ganz schwierige Gefühle, wenn man vor so einem Moment steht, weil: es sieht so aus, als wäre das ganze Leben eigentlich nötig gewesen, um jetzt hier zu stehen. So. Aber auf dem Weg weiß man nie, wo es hingeht, und das ist etwas, das ich immer versucht habe in meinen Filmen auszudrücken. Alles was wir machen, fängt irgendwo im Kopf an. Man hat Vorstellungen und Ideen, und man folgt ihnen und teilweise wird's was und teilweise wird’s nichts. Aber was am Ende dabei herauskommt, das ist es eben. Was man kann oder nicht kann - nicht mehr und nicht weniger. Das klingt so einfach, wenn man so etwas sagt, aber wenn man sich das mal klar macht, dann ist eigentlich der Blick auf die Welt verändert. Dann ist alles, was wir sehen eigentlich das Ergebnis von Vorstellung und Phantasie.

Das Ergebnis von Vorstellung und Phantasie. Andere Völker haben für das, was wir Heimat nennen, gar kein Wort, wie wir Deutschen. Rückblickend gefragt, warum die andere Heimat, die zeitlich weiter zurück springt, erst jetzt den anderen nachfolgt, meint Reitz:

Wenn ich das hätte planen wollen, wäre ich verzweifelt. Ich bin immer mein eigener Autor, Produzent, Filmemacher gewesen, für den Kontinuität und nicht Quote zählt. Der Titel, der überall auftaucht "Heimat" als ein Dachbegriff - für mich ist Heimat nichts als ein Haus, in dem sich alle Geschichten versammeln. Also das endlose Erzählen der unterschiedlichsten Geschichten, alles immer wieder unter dem Dach Heimat versammelt. Wenn es Heimat gibt, dann ist es ein Konglomerat von Erzählungen - mehr nicht.

Was auch immer für den einzelnen Heimat ist, Edgar Reitz hat in jedem Fall mit seinem Heimat-Epos den Begriff Heimat positiv besetzt und resozialisiert – und durch seine aktuelle Filmarbeit „die andere Heimat" internationalisiert. Angesichts der aktuellen Flüchtlingsproblematik, etwa der Menschen aus Lampedusa in Hamburg, wirkt es hochaktuell, als halte Reitz den Europäern einen Spiegel vor, um zu erinnern, dass es auch bei uns Zeiten gab, die Unzählige in die Flucht trieben – ungewiss, was kommen würde.

Wie zur Überleitung meiner Gedanken zurück nach Hamburg. Heimat – das ist für mich der Hunsrück.Ich bin froh, dass ich Hunsrikker Platt schwätze. Und vielleicht führt mich diese Begabung irgendwann einmal wieder in die eigene Heimat, oder gar in "die andere Heimat", nach Brasilien. MF

Am 26. Oktober präsentierte das Abaton-Kino den vierstündigen Film. Im Anschluss an die Vorstellung stand Edgar Reitz dem Publikum zur Verfügung.www.abaton.de/page.pl?andere%20Heimat

Bildunterschriften von oben nach unten:
Foto vom Plakat zum Film "Die andere Heimat" von Edgar Reitz  www.edgar-reitz.com
Cafe Heimat in Morbach Aussenfassade, Morbach Infos: www.cafe-heimat-morbach.de
Feierliche Eröffnung Cafe Heimat mit Jan Schneider, Salome Kammer, Andreas Hackethal und Edgar Reitz  
Im Cafe Heimat kommt der Filmfan ins Schwärmen
Lampe aus altem Geschirr

Fotos: Marina Friedt 

 

 

   

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